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Mitten in Boboville

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Kaffeehaus kann groß und elegant daherkommen. Oder ganz reduziert – ‚third wave‘. Oder klein und durch und durch retro – inklusive Rauchschwaden. Kaffeesieder-Urgestein Ronald „Ronnie“ Bocan beweist, dass das funktioniert und ist mitten in Boboville (1070 Wien) erfolgreich. Ganz ohne Bobotanz´.

Text: Astrid Minnich | Fotos: Mike Ranz

„So ist es, und ich bin total glücklich, wie es derzeit läuft!“ Ronnie Bocan steht lächelnd und – rauchend – vor seinem „Bocan’s Café“ in der Wiener Neubaugasse. Das Lokal ist tatsächlich etwas Besonderes: 50m², ein Geheimtipp für Raucher – und sehr kuschelig. Nicht nur wenn es, so wie eigentlich jeden Nachmittag, vor lauter Gästen fast aus den Nähten platzt.

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Espresso, Bier, Toast und fertig

Bei Bocan gibt es „guten Kaffee und ein paar klassische Kleinigkeiten, fertig.“ Er schmunzelt, als ich fragend schaue. „Eine Zeit lang hab ich versucht, Frühstück anzubieten und Sojamilch und die ganzen Bobotanz‘ …“ Er lacht herzlich. „Ich hab aufgegeben, das funktioniert für mich nicht. Nebenan gibt es Frühstück um 2,79 € – Croissant plus Café Latte, da kann ich eh nicht mit und will auch gar nicht.“

Es sei wichtig, zu wissen, wer man ist und wofür man steht. Besonders als Gastronom. „Ich bin gastronomisch am WEV aufgewachsen – mein Vater hat dort die Kantine betrieben.“ Der Papa hätte die Gäste immer ganz genau beobachtet, was sie wann bestellt hätten. „Er hat da ein Gefühl gehabt dafür und Sachen angeboten, schon bevor sie zum ‚Trend‘ wurden. Schnitzelsemmerl zum Beispiel.“

Als Bub hätte er am Wochenende in der Früh oft 200 Semmerl aufschneiden geholfen. Der kleine Ronnie beginnt damals, Eishockey zu spielen – bis in die oberste Liga kämpft er sich hinauf. „Der Papa hat mir für’s Helfen nie was gezahlt, aber er hat auch nie gefragt, ob ich den neuen Schläger, oder irgendeine Ausrüstung, die ich unbedingt haben wollte, wirklich brauche – er hat mir das Zeug einfach besorgt, das war schon super.“

Harte Schule

Ob Bocan sich das Rüstzeug für seine spätere Gastrokarriere in Vaters Kantine oder am Platz holt, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Jedenfalls lernt der kleine Ronnie Fouls wegzustecken: „Zwölf ausgeschlagene Zähne in einem Spiel – aufgehört hab ich deswegen nicht.“
Erst mit knapp 50 hängt er die Hockeyschuhe endgültig an den Nagel.

Ganz plötzlich wäre es über ihn gekommen. „Ich war als Spielertrainer noch aktiv und nach einem Training fragt mich ein Stammgast im Lokal, wieviel so eine Ausrüstung kosten würde – er würde gerne mit Eishockey beginnen.“ Bocan greift nach seiner Trainingstasche und drückt sie dem etwas verdutzt dreinblickenden Kunden in die Hand: „Neu 1000 Euro, aber die Sachen sind ein bissl durchgeschwitzt, also gib mir drei Hunderter und hab Spaß damit!“ Danach sieht ihn das Eis nicht mehr.

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Back to the 80ies

Sein Insiderwissen darüber, wie die Kollegen gerne feiern, nutzt er Anfang der 1980er, als er am WEV das Mini-Café übernimmt, das an der Stelle der alten Spielergarderoben entsteht. „1883 habe ich damit einen Designerpreis gewonnen, in Mailand – diese sehr kompakte Art von Lokal, das war schon besonders.“ Im „Con-Cert“ hätte er damals jeden Hype mitgemacht, erzählt er schmunzelnd … „Und dann musste ich Monat für Monat Unmengen an Bier wegleeren, weil ich mir eingebildet hab‘, der Zeitgeist verlangt von mir, 25 Sorten Craftbeer anzubieten …“ Jetzt gibt es im Bocan’s Café drei Sorten Bier, die werden auch getrunken. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem überschaubaren Alltag hier.“

Sein Lokal sei „echtes Retro“, allerdings aus den 1980er Jahren – die originale Einrichtung aus den 1960ern wäre ihm damals zu finster gewesen. „Dunkle Holztäfelung innen, dicke Vorhänge vor den Fenstern – da wirst ja trübsinnig!“ Bocan öffnet bei der Übernahme die Front – lässt eine aufklappbare Glasfassade einbauen. „Ein Kaffeehaus muss offen und einladend sein!“ Die Übung gelingt, im Sommer ist es bei offener Fassade ein einziger kleiner Schritt von der Neubaugasse an die Bar. Wenn Bocan dann im Eingang steht, an seinem charakteristischen weißen Schnurrbart zupft und schmunzelnd den großen Schanigarten im Auge behält, während er jeden Vorbeigehenden freundlich grüßt – weil er einfach praktisch jeden Passanten hier kennt – dann kommt mediterranes Sommerfeeling auf.

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Am Ball

Ein Fixpunkt im Leben eines richtigen Wiener Kaffeesieders ist seit vielen Jahren der Kaffeesiederball – folgerichtig ist auch Ronnie Bocan jedes Jahr dabei – seit 1976. „Mein Vater hat schon immer mitgeholfen und es gehört zum besonderen Spirit des Balls, dass wir Mitglieder des Clubs der Wiener Kaffeesieder uns diesen Ball selbst organisieren.“ Da gäbe es keine Agentur, die das alles erledige – das Organisationsteam bestehe fast ausschließlich aus Kaffeesiedern, erklärt Bocan stolz.

Er selbst sei fast zwei Jahrzehnte für den Begrüßungsdrink zuständig gewesen. „Das war früher ein bissl anders, da gab es ein Gastland und das hat sich am Ball dann präsentieren dürfen. Ein Highlight dieser Präsentation war der Aperitif, den haben wir am Fuße der Feststiege ausgeschenkt – jeder Gast hat einen Begrüßungsschluck bekommen.“

Alkoleichen und Spielwitz

Frankreich hätte Cognac spendiert, Berlin Korn mitgebracht und im Normalfall wäre dieser Programmpunkt gut im Griff gewesen, lacht Bocan. Bis ein Gastland auf die wunderschöne Idee gekommen sei, den Drink – Vodka – in eigens gravierten Gläsern auszugeben und die Gläser als Gastgeschenk auszuloben.

„Da stand „Kaffeesiederball“ drauf und die Jahreszahl; Viertausend Gäste waren geplant, also gab es viertausend Gläser; leider hatten wir – irgendwie – nach knapp eineinhalb Stunden keine Gläser mehr. Da waren aber erst knapp die Hälfte der erwarteten Gäste herinnen!“ Da es die strikte Order gab, alles auszuschenken – es dürfe keine Ware zurückgehen, musste Ronnie Bocan sich schnell etwas überlegen. „Wir sind also rüber ins Catering, haben uns 300 Viertelliter-Gläser organisiert und weiter Vodka ausgeschenkt…“ Der Rest ist Geschichte und so komisch wie traurig zugleich: „Die Gäste haben die Gläser nicht mehr mitgenommen, aber sie haben sich plötzlich mehrmals angestellt.“ Mit dem Endeffekt, dass es viele nicht mehr die Feststiege hinauf geschafft hätten …

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Aus 3 wird 7 – in der Ruhe liegt die Kraft

Eine andere Anekdote lieferte Guatemala – da gibt es keine Landesspirituose, also sollte es ein eigens kreierter Cocktail werden. „Wir waren bei den ersten Gesprächen dabei, haben aus unserer Erfahrung heraus deponiert: Bitte maximal drei Zutaten, sonst bringen wir das bei viertausend Leuten nicht hin.“ Warum auch immer, der Tipp ging ins Leere… Der damalige Chef der Barkeeper-Union sei hochmotiviert gewesen, erzählt Bocan schmunzelnd, er hätte eine Ausschreibung gemacht: „Und prompt hatten wir einen Siegercocktail mit sieben (!) Zutaten!“ Die Frage, wie sie das schaffen sollten – auf engstem Raum im Hofburg-Foyer – beantwortete der Herr angeblich nur mit einem Lächeln und einem Schulterzucken … “

Also fährt Ronnie Bocan einkaufen: Im Großmarkt findet er reizende grüne Tonnen – 240 Liter Fassungsvermögen, davon nimmt er sieben Stück; von der BrauUnion organisiert er Zapfköpfe … „Ich hab die unten in die Tonnen eingebaut, gut abgedichtet – wennst dich a bissl auskennst, ka Problem!“ Am Balltag geht es ans Mixen … „1000 Liter haben wir produziert – ich hab mir einen dieser Riesenkochlöffel besorgt, damit ich das mit dem crushed ice besser mischen kann – hat bestens funktioniert.“ Pünktlich um 19:30 trudeln die ersten Gäste ein, ab da heißte es dann nur noch: „Glas her, Hahn auf, Deko dazu – Prost!“ Bocan grinst breit, der Schnurrbart vibriert: „Deppert derfst sein, aber z’höfn muaßt da wissen!“

Bringen Scherben Glück?

Noch ein drittes Gastland wird mit seinem Begrüßungstrunk ewig in Erinnerung bleiben: „Einmal gab es Kümmelschnaps. Das war ein Drama – den wollte niemand!“
Bocan schüttelt es heute noch. „So a pickertes Klumpert!“ Besonders unangenehm sei gewesen, dass die Leute, die gekostet hätten, die Gläser schnell wieder hätten los werden wollen … „Die haben uns die Drinks zurück auf die Tabletts gestellt, prompt sind Gläser umgefallen – da waren dann Splitter überall und mit dem pickigen Zeug gemeinsam haben die Leute das bis hinauf in den Ballsaal geschleppt – es war eine Katastrophe.“ Die pragmatische Lösung: „Wir haben die Ausschank abgebrochen und die übrigen Kartons als Tombolalose nummeriert!“ Leider hätten die Ballbesucher die Finte durchschaut – „Kein einziger hat diesen Gewinn mitgenommen …“, lacht Ronnie Bocan herzlich und kann das voll verstehen.

Der Brand in der Hofburg 1992 verändert alles. „Es gab nicht mehr zwingend ein Gastland und definitiv keinen Willkommenstrunk mehr, ich muss sagen, ich war gar nicht bös drüber …“ Langweilig ist Bocan am Ball trotzdem nie – er empfängt die Ehrengäste, hat die Gästeliste im Blick und die Einhaltung des Dresscodes im Auge … Das sei nicht immer einfach, gesteht er mit einem Seufzer und fügt mit einem Augenzwinkern in verschwörerischem Tonfall hinzu: „Was manche da aufführen – braune Schuhe zum Smoking, zu kurze Hosen, zu enge Jacken – die reinste Textilkatastrophe.“

Preisfrage

Ob Bocan seine Kaffeesiederkarriere wohl so kurios beenden wird, wie seine Eishockeylaufbahn? Bocan streicht sich über den Schnurbart, seine Augen blitzen: „Solange mir mein Frack noch so gut passt – eher nein.“

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