© LuxundLumen – Marlene Fröhlich

Habe die Ehre, Frau GASTWIRT

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Sie erzählt Geschichten wie keine andere, lässt Buchstaben zu Bildern werden, kennt Gott und die Gastronomenwelt und wird nie müde, über sie zu berichten. Für mich war klar, wer auf das Cover unseres letzten GASTWIRT muss: Astrid Minnich. Über hundert Titelköpfe hat sie in den letzten zehn Jahren ausgesucht und ins rechte Licht gerückt. Es war an der Zeit, einmal die Scheinwerfer auf sie zu richten. Ein rasanter Ritt durch zehn Jahre GASTWIRT – und ein letztes Fotoshooting.

Text: Elisabeth Waxmund | Fotos: LuxundLumen – Marlene Fröhlich

Wir sind spät dran. Mit Astrid passiert einem das irgendwie ständig... „Es geht sich immer alles aus“ – kommentiert sie mit strahlendem Lächeln, und wie immer wird sie recht behalten. Die versäumte Straßenbahn verschafft uns jedenfalls ein paar Minuten, uns zu sammeln. Wir sind am Weg zu unserem allerletzte Covershooting. Für den allerletzten GASTWIRT. Beide haben wir ein mulmiges Gefühl – keine von uns will es zugeben.
Astrid kramt in ihrer überdimensionalen Handtasche und – oh Wunder – findet, was sie sucht: triumphierend hält sie mir einen Stapel voll GASTWIRT-Titelseiten im Postkartenformat vor die Nase. Sie beginnt die Karten durchzusehen - „Ich hab gestern nachgerechnet. Die letzte Ausgabe…“, sie schluckt, Pause. „… ist exakt meine Hundertste!“
Boah, starker Tobak an der Bimstation. Die Mundwinkel zittern nach unten. Der GASTWIRT war zehn Jahre lang Astrid Minnichs „Baby“. Als Chefredakteurin war sie es auch, die beschlossen hatte, „ihren“ Titelgesichtern mehr Platz im Heft einzuräumen als zuvor. „Weil das Geschichtenerzählen ist so schön…“ Sechs Seiten Homestory fanden sich so Ausgabe für Ausgabe im GASTWIRT. Die Protagonisten: heimische Gastronomen oder Hoteliers, die etwas zu erzählen haben. Schillernde Figuren der Szene, manche mit traurigen, andere mit lustigen Geschichten; Einblicke in erfolgreiche Betriebe und Erzählungen vom Scheitern. Auch wenn ich dann das eine oder andere Titelinterview führen durfte, Astrid behielt sich immer die letzte Kontrolle vor: „Wir wollen nicht schönreden, wir wollen nicht schmeicheln, aber wir stellen auch nicht bloß und kränken niemanden.“

Ihr Allererster

Es dauert keine Sekunde und Astrid lacht wieder – fast verklärt hängt ihr Blick an der obersten Karte des Stapels. „Das war mein erster!“, grinst sie schelmisch. Robert Huth sieht heute ein bisschen anders aus, erwachsener – zumindest. „Nun ja, in zehn Jahren entwickelt Mann sich weiter!“ Munter plaudert Astrid drauf los: „Da hat er gerade sein drittes Lokal eröffnet, der Huth. Gestartet ist er ja mit der Huth-Gastwirtschaft, dann kam das „da Moritz“. Und nach der Geburt seines zweiten Sohnes, Max – hat er dem natürlich auch ein Lokal widmen müssen.“ Fasziniert hätte sie damals die Entscheidung des Gastronomen, sich dem Druck der Gastro-Berichterstattung entgegenzustellen und den Nobelitaliener, zu dem die Innenstadt-Schicki-Mickis das „da Moritz“ gerne gemacht hätten, als „Trattoria mit Bodenhaftung“ zu positionieren – so wie es geplant war und heute noch gut funktioniert. Astrid schiebt den Kartenfächer auf und – Punktlandung: „Gabi Huth! Die hab ich zwei Jahre später auf’s Cover geholt, da haben die Huths das „da Max“ gerade repositioniert und mit einem der ersten Josper-Griller Wiens ausgestattet. Ich kenne kaum andere Gastronomen, die so genau auf ihre Zahlen achten und so unmittelbar reagieren, wenn die Ergebnisse in einem Lokal nicht den Erwartungen entsprechen …“
Die einfahrende Straßenbahn unterbricht uns. Wir steigen ein, nehmen Platz. Ein junger Bursch tippt mir auf die Schulter. „Sie haben was verloren!“ – „Jössas, der Manni, danke!“, meint Astrid und nimmt die Postkarte entgegen. Manfred Kleiner von der Wedlhütte in Hochfügen kratzt gerade sein eingefrostetes Logo frei, Astrid fängt zu lachen an. „Das war ein Wahnsinn! Wir waren zu Saisonbeginn dort, Anfang Dezember, drei Wochen, nachdem sie aufgesperrt haben. Die Hütte liegt auf knapp 2.500 Meter, es hatte ungefähr zehn Grad Minus. Zum Fotoshooting hab ich Manni ein Glas Rotwein in die Hand gedrückt, er hat es geschwenkt – und plötzlich hat sich im Glas nichts mehr bewegt… !“ Inzwischen, setzt sie nach, müsse man ein halbes Jahr im Vorhinein buchen – die Hütte habe sich zum absoluten Geheimtipp für Luxus-Hüttenurlaub entwickelt.
Ich weiß mittlerweile, dass Sie „ihre“ Gastronomen und Hoteliers immer im Auge behält und dass sie ein bisschen stolz ist auf ihren guten Riecher, wenn ein zum Zeitpunkt des Interviews unbekannter Betrieb später dann einen Höhenflug hinlegt.
Unsere Straßenbahn der Linie 2 passiert gerade das Kaffee Hummel im achten Bezirk – Astrid hat die Fotokarte mit einem Griff. Als Harald Richter Christina Hummel für ihr GASTWIRT-Cover ablichtet, hat sie das väterliche Kaffeehaus gerade übernommen. Auf dem Foto wirkt sie unscheinbar. „Und schau, was sie heute ist: eine supercoole Power-Hummel!“

Große Bühne für große Persönlichkeiten

Dass Astrid eine gute letzte Coverstory liefern würde, war mir klar. Dass ich aber schon nach fünf Minuten Straßenbahnfahrt fast ein ganzes Heft mit ihren Geschichten füllen könnte, damit hatte ich echt nicht gerechnet. Ausgezeichnet! Gedanklich klopfe ich mir selbst auf die Schulter – sie von der Idee zu überzeugen, selbst auf‘s Cover zu gehen, war gar nicht so einfach gewesen. „Geh, ist ja peinlich, so eine Selbstbeweihräucherung!“ Ich will niemanden beweihräuchern. Aber vielen Protagonisten der heimischen Gastronomie und Hotellerie hat sie im GASTWIRT zum ersten Mal eine Bühne geboten und ich finde, das gehört gewürdigt.
Ernst Schrempf zum Beispiel hätte sich so über seine Coverstory gefreut, dass er einige hundert Hefte gekauft und an seine Gäste verteilt habe. „Mittlerweile hat er das für unmöglich gehaltene Kunststück geschafft, sein Schloss Thanegg als ökologischen Vorzeigebetrieb zu führen, er kämpft in der ersten Reihe für den Klimaschutz und macht sich stark für die Ausrufung des Klimanotstands. Er kann sich vor Interviewanfragen kaum retten!“ Sie grinst wieder. „Bei unserem Shooting ist der Ernst erst locker geworden, als ich ihn überredet habe, mir seinen alten Morgan vorzuführen. Er hat sich in die volle Montur geworfen: Lederjacke, Fliegerhaube inklusive Brille und dazu noch eine Pfeife, die er sich prompt angeraucht hat. Auf meinem Lieblingsbild sieht man ihn durch eine dicke Rauchwolke – eines der besten Shootings ever!“ Nicht nur Ernst Schrempfs Fotoshooting ging in die GASTWIRT-Annalen ein. „Mit dem Gregor Hoch haben wir am Arlberg zwar das Interview geschafft, Fotos sind sich keine mehr ausgegangen. Da er mir erzählt hat, dass er ein Fan alter wissenschaftlicher Schriften, insbesondere der Renaissance wäre, habe ich für die Fotos den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gebucht.“ Das glückselige Lächeln in Astrids Gesicht ließe sich jetzt wohl nur noch mit dem Brecheisen abmontieren. Das Tüpfelchen auf dem i sei natürlich die Entdeckung gewesen, dass das aus dem Verlagsfundus mitgebrachte „alte“ Buch – die Bücher im Prunksaal darf man nicht bewegen – älter gewesen war als das entsprechende Exemplar in der Nabi…. 1724.
„Schön war’s auch beim Thorsten Probost im Kräutergarten. … Ah! Und das war auch cool: Das Shooting mit Maximilian Platzer – Gott hab ihn selig.“ Aus dem Stapel zupft sie eine Karte, auf der der damalige Chef der Wiener Kaffeesieder einen Dirigierstock in der Hand hält. Das Rosa der Headline „Orchesterdirigent“ harmoniert mit seiner Krawatte. „Nachdem unser Interview schon vorbei war und wir nur noch off-records miteinander geplaudert haben, erzählt mir der Max plötzlich, dass er so gerne Dirigent geworden wäre.“ Astrid hätte dann nicht lange gefackelt und den Cafetier in die nahegelegene Volksoper geschleift. „Ich wusste nicht, ob es klappt, aber mit ein bisschen Wimperngeklimper
konnten wir tatsächlich für fünf Minuten in den leeren Saal, wo der Herr Kommerzialrat dann erstaunlich professionell sein imaginäres Orchester dirigiert hat. Du glaubst nicht, wie der aufgeblüht ist; ein wunderschöner Moment!“

Die Gastgeberin tritt vor den Vorhang

Unsere rasante Straßenbahnfahrt durch die Geschichte der GASTWIRT-Coverstories hat uns inzwischen an die gewünschte Endstation gebracht: Vor dem Hotel Altstadt Vienna wartet schon Fotografin Marlene Fröhlich. „Hello! Letztes Shooting heute? Ach, wie schade…“ Erneut wird die kurz aufsteigende Sentimentalität beiseite gewischt: „Yeah, los geht’s!“, überspielt Astrid ihre Emotion.
Dass das Altstadt Vienna heute unsere Shooting-Kulisse sein soll, kommt nicht von ungefähr. Inhaber Otto-Ernst Wiesenthal war einmal Titelheld und Max Eidlhuber, den ehemaligen Präsidenten der Schlosshotels und Herrenhäuser hat sie auch hier interviewt: „Vom Max habe ich eine Sache gelernt: dein Betrieb kann noch so toll sein – wenn die Leute dahinter nicht in Erscheinung treten, hilft die beste hardware nix. Der Gastgeber muss bewusst vor den Vorhang treten, sonst fehlt das Gefühl.“ Vielleicht ist das der wahre Grund, warum Astrid heute hier steht? Jedenfalls, danke Max Eidlhuber!
Die Location hat sie ausgesucht und kaum hat sich die Tür zu funkelnagelneuen „UN-Suite“ im siebenten Stück geöffnet, ist von Astrid nichts mehr zu sehen. „Geil!“ tönt es dumpf aus der Mitte des Raumes – ich sehe nur ein gelbes Gewirbel... Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass sich Astrid auf den knallgelben Egg-chair geworfen hat und – Beine in die Luft geschwungen – übermütig ein paar Runden kreiselt. Ich muss herzlich lachen: Genauso hab ich mir das vorgestellt! Fotografin Marlene hat auch schon den Fotoapparat gezückt und knippst eifrig drauf los. „Na so was!?“, lacht sie, „Das taugt dir, einmal selber vor der Kamera sein, oder!?“ Das Model nickt. Viele ihrer Protagonisten hätten sich beim Fotografieren anfangs geziert: „Die meisten hatten das noch nie gemacht, dann hab ich zur Auflockerung den Kasperl gegeben oder die Leute zu Faxen animiert. Den Pepi Schöndorfer hab ich zum Beispiel genötigt, auf dem Spielplatz auf das Klettergerüst zu kraxeln – da mussten wir dann die Schweißperlen retuschieren. Der Herwig Ertl hatte die Idee selbst, ist aber richtig aufgeblüht, als er in Zipfelmütze und Nachthemd aus einer riesigen Holztruhe geklettert ist.“

Gimme, Gimme

So richtig in Fahrt kommt Astrid, als ich ihre Lieblingsmusik durch die Boxen des Hotelzimmers jage: „Gimme, gimme, gimme“, heizen Benny, Anni-Frid, Agneta und Björn die Stimmung an. Sie shaked, posed, flippt herum – genau so kenne ich diese Frau, immer ein Tänzchen auf den Hüften! „Hey, hast noch eine Cover-Geschichte für mich?“, rufe ich ihr zu. Und natürlich – während sie fleißig weiter posiert, schüttelt sie ohne nachzudenken eine weitere Anekdote aus dem Ärmel: „Es haben mich viele beeindruckt, aber Walter Junger besonders. Der ist als junger Bursch nach der Schule in seinem VW-Käfer los, um seinen Traum, Hoteldirektor zu werden, in die Tat umzusetzen. Er hat das geschafft, war in den USA und zwei Jahrzehnte in Asien, hat dort jede Menge Luxushotels eröffnet. Mit seiner Lebensgefährtin Lori Lee betreibt er heute eine Kunstagentur, die Hotels mit echter Kunst ausstattet. Er spürt weltweit Talente auf und ein junger chinesischer Bildhauer – Ren Ze – hat ihm für sein H12 auf der Gerlitzen tatsächlich eine drei Meter hohe metallene Wächterstatue angefertigt – und geschenkt. Er hat drei Stück davon gemacht, die anderen beiden hat Robert de Niro gekauft – das ist eine meiner Lieblingsgeschichten.“
Material für meine Story hab‘ ich jedenfalls genug, unser letzter gemeinsamer Termin ist ein voller Erfolg – vor allem, weil es so lustig ist, der Chefin einmal beim Blödeln zuzuschauen.

Chefin - Freundin

Obwohl ich es tunlichst vermeiden wollte, verfalle ich jetzt doch ins Sentimentale… So eng werde ich „professionell“ und „freundschaftlich“ vielleicht nie wieder erleben. Ich grinse beim Gedanken an akribisch mitgeschriebene Kongressvorträge und anschließende wilde Partynächte. Beide saßen wir nach drei Stunden Schlaf um neun Uhr wieder hochkonzentriert im nächsten Termin. Nachdem sie mir das über Jahre beigebracht hatte, wollte Astrid einmal kneifen: da hab ich sie dann aufgeweckt und an ihre Vorbildfunktion erinnert. Diesen bösen Blick werde ich wohl nie vergessen.
Astrids gelebtes Motto „Es geht sich alles aus“ hat mich durch jede einzelnen GASTWIRT-Produktion getragen und durch das letzte halbe Jahr meines Studiums. Und auch: „Du weißt nie wozu’s gut ist“, hat mir durch einige Tiefs geholfen: es hat sich tatsächlich immer eine nächste Tür aufgetan. Astrids trockener Kommentar: „Sag‘ ich ja.“
All das werde ich vermissen. Genau wie Astrids unendliche Kreativität, aber auch Konsequenz was Texte anlangt. Denn bei allem was wir in, bei und nach der Arbeit erlebt haben, in einer Sache war Astrid stets gnadenlos unnachgiebig: Bei der Qualität von Texten. So bekannt und berühmt konnte kein Experten-Autor, so unbedeutend konnte keine Pressemeldung sein, dass sie nicht nach ihren Vorstellungen nochmals den Redaktionsstift angesetzt hätte. Wenn jemand Wolf Schneiders Lehrmotto der Journalistenausbildung verinnerlicht hat, dann ist sie es: „Einer muss sich anstrengen – der Leser oder der Schreiber eines Textes.“ Sehr zu meinem Leidwesen war beim GASTWIRT immer klar, dass die Redaktion diese Anstrengung auf sich zu nehmen hat.
Sie hat es immer wieder betont, jetzt kann ich Astrid endlich beipflichten: ja, wir sind nicht bloß beste Arbeitskolleginnen gewesen. Mein Tränchen verkneife ich mir jetzt – und bin wieder im Altstadt Vienna... Noch ein gemeinsames Foto mit unserer „Dancing Queen“, ein letzter Blick, ob in „unserer“ Suite wieder alles auf seinem Platz steht – Danke dem Altstadt-Vienna! Auf dem Heimweg noch ein paar mehr Stories von „Geschichten“, die zu Freunden geworden sind: von Goran Huber, Katharina Kluss, Alfred Flammer, Cem Korkmaz oder Grand Seigneur Werner Matt – alles Menschen, die sie begeistert haben, deren Geschichten ein Stück weit in ihre eigene eingeflossen sind und die sie inspiriert haben. So wie sie auch mich. Danke Astrid, meine liebe Freundin!

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