Lebenslinien

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Ein junger Mann und einer mit zerfurchtem Gesicht – sie blicken einander in die Augen. Der eine mit einem Blick „Was kostet die Welt?“ – der andere weiß die Antwort:  „Nicht mein Leben!“ Die beiden Herren trennen nicht ganz zehn Jahre und – ein Konkurs. 2010 strahlte Markus Götzenauer das erste Mal vom GASTWIRT-Cover.
Heute darf er – als erster – ein zweites Mal auf unsere Titelseite. Die Geschichte, die er diesmal erzählt, handelt vom Scheitern – und von einem Sieg.

Text: Astrid Minnich | Fotos: Martin Ögg

Zur Vorbereitung auf unser Gespräch löse ich eine Eintrittskarte in Haus der Natur und reihe mich nach einem kurzen Rundgang durch Salzburgs bestbesuchtes Museum in eine mittellange Warteschlange ein. Es dauert eine Weile – die geräumige Gastrofläche im ersten Stock scheint ein äußerst beliebter Treffpunkt zu sein, geradezu ideal für eine Verschnaufpause zwischen Tyrannosaurus-Rex und Felix Baumgartners Stratosphärensprung.

Als ich endlich durch das Drehkreuz durch bin, erlebe ich einen kleinen Schock: Die verrückt bunten Sessel, die ausgefallene Wanddekoration – alles ist genau wie damals, als ich das erste Mal hier war. Und alles sieht aus wie neu - die Einrichtung zeigt nach knapp zehn Jahren keine Spur von Verschleiß. Ich erinnere mich wieder, was mir Markus Götzenauer anno 2009 erzählt hat: „Ich möchte hohe Qualität, ich bleibe länger…“

Traumbilder

Ich habe ihn nicht mitgenommen auf meinen Lokalaugenschein, habe ihn nicht einmal gefragt, ob er wieder einmal dort war. Dort – wo damals seine Vision vom „etwas anderen Restaurant“, seine Vision der coolen Fusion von Kaffeehaus, Snackbar und Fine-dining-Tempel hätte Realität werden sollen. Gegen den Strom wollte er schwimmen und „ganz was Neues“ machen. Schon der Name ein kleines Wagnis: „Vogelfrei“ waren vom Mittelalter bis herauf ins späte Barock die Rechtlosen, die Ausgestoßenen. Doch für Markus Götzenauer war dieses „außerhalb-der-Regeln-Leben“ gleichbedeutend mit Freiheit. Und so inszenierte er das Lebensgefühl dieser „Freien“ als Farbenrausch der Lebensfreude: seine Gäste sollten genau diese Freiheit empfinden und an diesem Ort so sein und so speisen, wie es ihnen gerade am angenehmsten war…

Was war schief gegangen?

Ich sitze ihm gegenüber, als ich ihm diese Frage stelle. Er beantwortet sie mit einem Schulterzucken, aber mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. „Tausend Mal hab ich mich das gefragt und ich bin die ganze Klaviatur rauf und runter, wer alles und was alles „schuld“ war. Irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, es ist komplett irrelevant. Passiert ist passiert – ich war der Unternehmer, ich bin ein hohes Risiko gegangen und ich hab einen sehr schmerzhaften Bauchfleck gelandet. So ist das und aus.“

Er schweigt einen Moment, rührt gedankenverloren in seinem Kaffee, dann blickt er mir gerade ins Gesicht – die grünen Augen blitzen: „Seit ich das für mich akzeptiert hab, dass es meine Verantwortung ist und war – geht es mir besser. Ich hatte lang das Gefühl, als hätte ich mir alle Knochen gebrochen – leid getan hab ich mir auch. Dann waren es noch blaue Flecke am ganzen Körper, aber jetzt – jetzt tut nix mehr weh. Ich bin wieder fit.“

Allein, dass wir hier im Cafe Classic darüber reden, werte ich als gutes Zeichen – lange Jahre hatte Markus Götzenauer brüsk abgewunken, mit mir seinen unternehmerischen Super GAU zu analysieren. Das tut er jetzt noch nicht. Aber er lässt zu, das „Damals“ – seinen Lebenstraum – in den er natürlich alles investiert hatte, was zu der Zeit greifbar gewesen war – für den GASTWIRT nocheinmal kurz Revue passieren zu lassen.

Rückschau ohne Zorn

Es ist 2009, Markus Götzenauer ist 45 Jahre alt und Gastronom durch und durch. Er kennt das Geschäft, die Tücken, die Fallstricke – er ist schon lange selbständig, seine Lokale haben immer gut funktioniert. Aber jetzt ist er an einem Punkt, wo er es genau wissen will: Etwas Neues schwebt ihm vor. Ein Speiselokal, das anders ist, das es so in Salzburg noch nicht gibt.

Als Götzenauer erfährt, dass das Haus der Natur nach langen Jahren des Umbaus wiedereröffnet werden soll und noch ein Pächter für die neue Gastronomie gesucht wird, ist das Musik in seinen Ohren. Alles scheint zusammenzupassen: die Location ist mindestens so ungewöhnlich wie sein Konzept. Für jede Tageszeit gibt es einen anderen Eingang, eine dramatische Freitreppe führt auf die große Terrasse im ersten Stock, die praktisch über der Straße zu schweben scheint und innen ist das Lokal dreigeteilt – besser geht’s kaum. Dazu die zu erwartenden Besucherströme aus dem Museum von der einen und aus der Getreidegasse von der anderen Seite – was kann da noch schief gehen? Planer, Lieferanten, Freunde – alle sind überzeugt, dass Markus den Wurf seines Lebens gelandet hat. Nur Andrea nicht.

Markus Götzenauer mit seiner Andrea | Titelstory | GASTWIRT 2018/09

Hätten, tätten…

Kurz huschen die Schatten der Vergangenheit über sein Gesicht, als Götzenauer liebevoll seiner Frau nachblickt, die geschäftig zwischen Kaffeemaschine und Kuchenvitrine hin und her zischt und zwischendurch mal kurz in der Küche verschwindet, um wenige Sekunden später vollbeladen wieder aufzutauchen – voller Energie, ständig in Bewegung. „Sie war dagegen und ich hab nicht auf sie gehört.“

Zunächst scheinen Andreas Bedenken auch grundlos: Die Eröffnungsphase läuft prächtig – ganz Salzburg scheint sich gleichzeitig das neue Lokal ansehen zu wollen, doch dieser Hype flaut allzu schnell ab, die Abendgäste bleiben aus. Einzig das Kaffeegeschäft läuft – an den Wochenenden sogar prächtig. „Da hatte ich manchmal Angst, die Mütter mit ihren Kinderwagerln würden mich überrennen – aber zum Überleben war das bissl Kaffee und Kuchen trotzdem zu wenig, vom Bedienen der Außenstände gar nicht zu reden ….“ Götzenauer dreht an allen Schrauben, die ihm einfallen – er ändert die Preise, stellt die Karte um, kauft günstiger ein…

Das Abendgeschäft kann er nicht einstellen, das ist im Pachtvertrag fixiert; irgendwann ist er mit seinem Latein am Ende. Nach knapp einem Jahr macht er den Laden dicht. „Ich habe alle möglichen g‘scheiten Leute befragt, aber die Fixkosten bekommst du nicht weg auf gach – und wenn kein Geld reinkommt, kannst nur mehr den Schulden beim Wachsen zuschauen. Irgendwann kommt der Moment, wo du die Notbremse ziehen musst.“

Verlust/Gewinn…

Zunächst denkt er noch, er könne auf ein paar „Spezis“ zählen – „Da ging es gar nicht um Geld, mehr um da sein, zuhören und seelische Unterstützung…“ Markus wird bitter enttäuscht, einige von den Menschen, die er für seine besten Freunde hielt, sind plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. „Ich hab mich sehr verlassen gefühlt. Dass ich dadurch Ballast losgeworden bin, Menschen, die nicht gut waren für mich und meine Familie – das habe ich erst lange nachher erkannt. Jetzt werte ich es schon fast als Glücksfall!“

Das Leben zeichnet ihm tiefe Linien ins Gesicht, aber für Nervenzusammenbrüche bleibt keine Zeit: Da ist ja noch sein Café Classic am Makartplatz. „Solide, beständig, verlässlich – in der Not besinnt man sich auf traditionelle Werte!“, lacht Götzenauer herzlich. Damals ist ihm nicht nach Lachen – und er ist überzeugt: „Ohne diesen zweiten Betrieb, ohne unsere kleine Tochter und ohne die kompromisslose Loyalität von Andrea hätte ich das nicht durchgestanden.“ Andrea gibt ihm Kraft und auch wenn sie oft unterschiedlicher Meinung sind, wie es weitergehen soll, kämpfen sie sich Seite an Seite durch diese schwere Zeit. „Wenn es irgendetwas gibt, wozu dieses Desaster gut war, dann war es vermutlich, dass ich erkannt habe, wieviel mir Andrea bedeutet und was für ein Geschenk diese Beziehung ist.“

Aufgestanden

Götzenauer beweist im Kaffeehaus täglich, dass er sein Handwerk als Gastronom beherrscht und nach und nach gewinnt er wieder festen Boden unter den Füßen. Er findet neue Freunde und auch die Beziehung zu einigen langgedienten Wegbegleitern vertieft sich. „Selbst wenn ich mich gastronomisch doch noch einmal verändern sollte, Stiegl-Bier und Meinl-Kaffee werde ich die Treue halten – das sind Partner, wie man sie sich in schweren Zeiten nur wünschen kann.“

Über Geschichten von Gastronomen, die mit einem Projekt auf die Nase fallen, sich aufrappeln und wenig später mit dem nächsten Projekt die Sterne vom Himmel pflücken, kann Götzenauer trotzdem nur müde lächeln. „Gibt es sicher, die Regel ist das eher nicht….“

Immer noch ein Dickschädel

Zum Abschluss geht es noch hinaus auf den Makartplatz, ein paar Fotos machen. Wilma – der neue Familienhund – prescht im Galopp los, Markus grinst breit, als er Andreas glücklichen Gesichtsausdruck bemerkt, mit dem sie der Hündin hinterhereilt. „Ich wollte den Hund unbedingt – Andrea war strikt dagegen – jetzt könnten wir beide nicht mehr ohne! Diesmal hab ich meinen Dickschädel durchgesetzt und es war ein Sieg auf der ganzen Linie!“

Wir haben einen alten GASTWIRT mitgebracht, Markus blättert das Heft kurz durch, dann wirft er es spontan in hohem Bogen von sich. Das Magazin landet mit einem harten Knall am Boden. „Kapitel Vogelfrei: abgeschlossen!“, lacht er. „Jetzt ist es offiziell!“

Das Making-Of zur Titelstory gibt es hier zu sehen

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