© iStock.com

TIME TO SAY GOODBYE

| Sie sind hier: GASTWIRT-online » FEATURED » TIME TO SAY GOODBYE

Nach 67 Jahren heißt es Abschied nehmen: Mitte November ratterte der GASTWIRT zum letzten Mal über die Farbwalzen der Druckerei Berger – das Ergebnis halten Sie in Händen. Die Entscheidung den GASTWIRT, sowie die anderen Magazine im Verlagsportfolio des SCIAM Medienhauses, einzustellen bzw. zu verkaufen war sicher keine leichte für Chefredakteurin Astrid Minnich und Geschäftsführer Martin Ögg. Was viele nicht wissen: Die beiden sind über zwanzig Jahre verheiratet und lenken seit 1994 gemeinsam die Geschicke des Familienbetriebs. Im Interview erklären sie ihre Beweggründe, sprechen über neue Wege und die Zukunft von Print und Gastronomie.

Interview: Elisabeth Waxmund

Für viele kam die Neuigkeit überraschend – dies ist die letzte Ausgabe des GASTWIRT aus dem SCIAM Medienhaus. Was ist passiert?

Martin Ögg: Der offizielle Wortlaut? „Nach vielen Jahren im Verlagsgeschäft hat das SCIAM Medienhaus beschlossen, sich aus dem Verlagswesen gänzlich zurück zu ziehen.“ (schmunzelt) Wichtig ist mir dabei zu betonen: Wir haben nicht beschlossen, dass es den GASTWIRT nicht mehr gibt und wir machen als Verlag weiter – wir ziehen uns aus der Verlagsbranche weitestgehend zurück. Das ist kein Bauchfleck, keine Pleite, kein Konkurs - wir sehen einfach unsere Zukunft woanders. Im Laufe des letzten Jahres haben wir unterschiedliche Fortführungsmöglichkeiten für unsere Medien (darunter INTERNATIONALER HOLZMARKT, UmweltJournal, Austropack; Anm.) gesucht und zum Teil auch schon gefunden. Die Zukunft des GASTWIRT ist noch unklar – es ist aber nicht auszuschließen, dass sich noch Interessenten finden…

Das klärt jetzt nicht die Frage nach dem Warum … Bauch- oder Kopfentscheidung?

Astrid Minnich: Kopf, ganz klar. Weil du schaust dir ja als Unternehmer laufend deine Zahlen und Entwicklungen an; hast im Blick, was der Markt macht, was Leser und Kunden denken… Wir hätten sicherlich noch ein paar Jahre so weiter machen können, aber du musst ja immer überlegen, ob das was du tust unternehmerisch vertretbar und am Ende irgendwie profitabel ist. Wie wir alle wissen, gibt es Zeitschriften heutzutage üblicherweise gratis – sind ja sowieso durch Anzeigen finanziert… Und Anzeigen in einer Fachzeitung schalten? Nur wenn es vorher einen schönen Artikel über mich gibt. Für Redaktion bezahlen? Also bitte!? Wir sind bei unseren Überlegungen da nicht auf den Stein der Weisen gestoßen und irgendwann waren wir einig: Schnitt.

Nach 67 Jahren ist also Schluss. Wie fühlt sich das an jetzt?

Ögg: 67 Jahre? (lacht) ich glaube, die meisten Leute freuen sich in diesem Alter schon auf ihre Pension. Viele von den anderen müssen erst einmal so alt werden.

Und wie geht es nun weiter?

Minnich: Nun, wir haben ein Geschäftsfeld gefunden, das in eine Richtung geht, wo Nachfrage da ist: Wir bieten nun eine umfassende digitale Betreuung für Klein- und Mittelbetriebe.
Ögg: Das Problem, das KMUs nämlich für gewöhnlich im Internet haben: Man barucht eine Vielzahl an Professionisten, um einen guten Webauftritt zu gestalten. Die finden sich in großen Agenturen - das kann und will sich ein kleiner Betrieb oft nicht leisten. Ohne Agentur hast du aber einen hohen Koordinationsaufwand, einzelne Spezialisten zu koordinieren und du brauchst ein gewisses Know-how, um jedem Einzelnen zu sagen, was du willst. Hier setzen wir an und bieten diese Leistungen gebündelt aus
einer Hand.
Minnich: Es gibt Webdesigner, die sind oft nicht firm mit dem technischen Background – machen wunderschöne Seiten, wo es dann da und dort hakt. Dann gibt es Webprogrammierer, deren Seiten wunderbar funktionieren – nur mit der Optik ist es so eine Geschichte – „schön“ ist selten die Priorität eines Technikers. Die dritte Komponente, die immer wichtiger wird – vor allem wenn wir Richtung online-Marketing schauen, ist der Content. Meist haben die Betreiber den fixen Vorsatz: „Das mach ich selber“. Sie übersehen dabei aber, dass es nicht damit getan ist, zu wissen, was auf die Seite drauf soll. Texte schreiben ist keine Hexerei, aber ein Handwerk, mit dem man sich auseinandersetzen muss.
Wir können glücklicherweise alle drei Teilbereiche abdecken.

Wie beurteilt ihr die Stimmung der letzten Wochen im Verlag?

Ögg: Natürlich etwas gedämpft, aber ich glaube, schlussendlich können alle mit der Entwicklung gut leben. Mich freut besonders, dass unsere Mitarbeiter großteils schon gut untergekommen, weil sie gut in ihren jeweiligen Branchen vernetzt sind und ihr Know-how im Dienstleistungsbereich gut anwenden können. Zwei Magazine werden sogar durch ein Management-Buy-Out weitergeführt.

Haben Printmedien generell ein Problem? Oder betrifft es eher die Fachmedien?

Ögg: ich bin mit Generalaussagen immer vorsichtig, aber dass die Auflagen großer Printmagazine in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen sind und international namhafte Verlagshäuser massive Rückgänge bei ihren Werbeumsätzen verzeichnen mussten, ist manifest. Einige Fachmedienhäuser haben bereits vor einiger Zeit zugesperrt. Mit dem Internet hat sich das Informationsbeschaffungsverhalten zweifellos verändert – einige „Experten“ haben Print allerdings schon vor zwanzig Jahren totgesagt und dafür ist er noch recht lebendig. Ich persönlich bin sicher, dass es Print auch noch in zwanzig Jahren geben wird – in veränderter Form und Funktion, aber es wird ihn geben.
Minnich: Ich glaube, dass es Print geben wird, solange es Frauen gibt! (lacht) Aber es stimmt schon, anders als zum Beispiel ein Rechtsanwalt ist der Gastronom nicht zwingend auf Fachmedien angewiesen, um am Puls der Zeit zu bleiben – es gibt genug andere Kanäle. Und in Österreich ist die Dichte an Gastronomiefachmagazinen zudem ungewöhnlich hoch - das passt seit längerem nicht mehr ganz zusammen.

Wie informieren sich Unternehmer der Hotellerie und Gastronomie in den nächsten zehn Jahren über b2b Themen? Wird es eine Print-Renaissance geben oder verlagert sich das gesamte Wissen ins Netz?

Minnich: Schau ich so aus, als hätte ich eine Kristallkugel? (lacht)
Ögg: Früher waren die Informationen bei uns gebündelt, Fachmedien hatten eine starke Daseinsberichtigung. Mit dem Internet hat sich das Suchverhalten geändert. Aber: Einen Newsletter kann man mit einer winzigen Geste wegwischen, ohne mit seinem Inhalt in Berührung gekommen zu sein. Das Magazin hat man in der Hand und sei es alleine der Moment, bevor man es entsorgt – man blättert kurz hinein… Ich würde trotzdem prognostizieren: es geht schon alles Richtung online. Es wird in den nächsten Jahren eine Konzentration an Printtiteln geben, und nur eines oder zwei werden übrig bleiben.
Minnich: In der österreichischen Hotellerie und Gastronomie findet gerade ein Generationswechsel statt, das Ruder übernehmen jetzt Chefs um die 25, 30, die ihre Connectivity-Lösungen haben, ihre Küchentechnik über das Smartphone bedienen und sehr online-affin sind. Trotzdem weiß ich, dass es unter denen welche gibt, die sich Seiten aus dem GASTWIRT herausgetrennt und aufgehoben haben. Oder solche, die sich verschiedene Fachtitel mit in den Urlaub nehmen, weil sie dann „endlich einmal Zeit zum Lesen“ haben. Analog oder digital ist eben eine Geschmackssache.

Danke für eure Zeit – und auch für die schönen Erlebnisse bei und mit dem GASTWIRT. Und: Alles Gute für euren Neustart!

IMG_9980_900x600

bezahlte Anzeige

AM MEISTEN GELESEN

sponsored

ANFRAGE ZUM BEITRAG

Sie möchten nähere Details zu diesem Beitrag? Haben Fragen zu den dargestellten Themen oder zu vorgestellten Produkten und Lösungen? Schreiben Sie uns Ihr Anliegen und wenn wir die Antwort nicht parat haben, finden wir sie gerne für Sie heraus. Zur Bearbeitung Ihrer Anfrage speichern wir die unten eingetragenen Daten. Bitte lesen und akzeptieren Sie vor dem Absenden unsere Datenschutzerklärung.

Bitte geben Sie Ihren Namen ein.
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail Adresse ein.
Bitte geben Sie eine gültige Telefonnummer an.
Bitte geben Sie einen Betreff ein.
Bitte eine Nachricht eingeben.
Please check this field.

DIESE BEITRÄGE KÖNNTEN SIE AUCH INTERESSIEREN

sponsored

Sie sind hier: GASTWIRT-online » FEATURED » TIME TO SAY GOODBYE