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Understatement und instagram

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Er führt das wohl bekannteste „Hotel Post“ in Österreich – verbindet in seinem Fünfsternebetrieb in Lech am Arlberg virtuos Traditionelles mit Modernem. Neue Entwicklungen flicht er geschickt in die alten Strukturen ein. Auf Instagram postete im Frühjahr eine amerikanische Social Media Fitnessikone Fotos am Pool der Post in Lech – Hotelier Florian Moosbrugger hatte „Jen“ eigens dafür einfliegen lassen. Er selbst posiert für unsere Fotos ganz klassisch mit Posthorn vor dem Hoteleingang. Kein Widerspruch, keine Anbiederung – ein Statement. Genaugenommen: Pures understatement.

Text: Astrid Minnich | Fotos: Martin Ögg

Die „Post“ in Lech ist der Inbegriff gehobener Alpenhotellerie, trotzdem kann es passieren, dass man an der noblen Alpenherberge achtlos vorbeifährt. So perfekt verbergen sich die Aufschrift mit dem Hotelnamen samt der ***** hinter der Blumengirlande, die den Eingang ziert. Ganz leicht hält man das Haus für einen bescheidenen Gasthof. Das sei Teil des Programms, Teil der Marke, wird uns der Chef später erklären. „Wir zelebrieren das Gute und achten auf Stil; Übertreibungen sind nicht unser Ding.“ Er zuckt belustig mit den Schultern: „DomPerignon – mit Eiswürfeln im Burgunderglas, vielleicht ist das tatsächlich ein Trend, natürlich könnten wir das; aber unsere Gäste fordern das nicht ein – also soll es so bleiben.“ Lech ziehe generell kein Partyvolk an – mehr eine Klientel, die nach innen strahlen wolle, weniger nach außen.

Nur kurz sei das anders gewesen, vor etwa zwanzig Jahren. Er persönlich wäre mit „den Russen“ gut zurechtgekommen, erzählt Moosbrugger. Allerdings seien seine Stammgäste zu Beginn etwas irritiert gewesen… „Es war immer schon „old money“, das sich für uns erwärmt hat und wir freuen uns über diese Gäste – wir passen gut zusammen und fühlen uns miteinander wohl.“

Ein Blick zurück…

Ob die zurückhaltende Bodenständigkeit ihre Wurzeln in der Geschichte hat? 1937 erwirbt Großvater Erich Moosbrugger die alte Poststation mit Gaststube, 20 Zimmern und Stallungen. Zum Betrieb gehört auch eine große Landwirtschaft, weshalb für die Grundverkehrskommission nur ein Landwirt als Käufer in Frage kommt – Hoteliers haben in jener Zeit eher den Ruf ‚großkopfert‘ zu sein.

„Die Urgroßeltern hatten damals schon ein Hotel in Flexen, meine Großmutter entstammte der bekannten Hoteliersfamilie Skaderasy, aber mein Großvater war ursprünglich Landwirt – ein echter Glücksfall“, lacht Florian Moosbrugger. „Der Großvater wollte unbedingt auf den Arlberg, weil er Skilehrer war und er dort seiner Leidenschaft, dem Sport, frönen konnte...“

Langsam

Tatsächlich ist die ‚große Zeit‘, als Lech Gerichtsstand von Vorarlberg war, lang vorbei. Die ‚kleine Eiszeit‘ im 17ten Jahrhundert entvölkert den Ort, die Industrialisierung im 18ten Jahrhundert verschärft die Situation noch, Lech verarmt. Erst Mitte der 1930er Jahre beginnt der Aufschwung – der Arlberg gilt als Wiege des Wintertourismus – mit der Erfindung des ‚Arlberg-Stemmschwungs‘ , der die schweißtreibende Telemark-Technik ablöst, wird der Skisport massentauglich. Mit dem ersten Schlepplift 1937 wird der Arlberg ‚place to be‘ für alle Skipioniere. „Bis in die 1950er war Skifahren purer Alpinismus – man ist mit den geschulterten Skiern losgestapft und wenn man endlich am Berg oben war, was war dann?“ Florian Moosbrugger macht eine Kunstpause, bevor er seine Frage selbst beantwortet: „Na, g’jausnet hat man – nach drei Stunden Aufstieg haben alle einen Mordshunger gehabt!“ Man sieht ihm an, dass er diesen ‚entschleunigten Zeiten‘ durchaus etwas nachtrauert. „Auch das Anstellen an den Schleppliften hatte irgendwie was Gemütliches – du hast dich von der letzten Abfahrt erholen können und bist mit den anderen Skifahrern in Kontakt gekommen – da sind über die Jahre sogar Freundschaften entstanden.“

Stark

Heute schweben tausende Menschen täglich in High-Tech Liften im Halbminutentakt auf alle erdenklichen Gipfel, trotzdem ist Lech auch anno 2019 ein eigener kleiner Kosmos: Eine Handvoll Häuser, jedes einzelne ist adrett herausgeputzt und fügt sich harmonisch ins Gesamtbild ein. Keine einzige der typischen „Bausünden“ aus den 1960ern ist zu entdecken. Obwohl der Ort vom Tourismus lebt und praktisch nur aus Beherbergungsbetrieben besteht, hat kein Haus mehr als 150 Betten. „Es ist erstaunlich und wir sind sehr stolz darauf – bis jetzt haben alle hier tapfer dem Lockruf des großen Geldes widerstanden“, erklärt Florian Moosbrugger. Aber es werde immer schwieriger, räumt er ein. „Der Druck steigt, die Begehrlichkeiten vor allem der ‚big international players‘ sind enorm. Aber es sind sich auch alle hier bewusst, dass sich unser Leben massiv ändern würde, wenn wir nachgeben – und ich fürchte, die Veränderungen wären nicht ausschließlich positiv.“

Zukunftsorientiert

Einig sind sich die Lecher, dass es Entwicklung braucht, vor allem wenn sie Lech als Arbeitsplatz attraktiv halten wollen. „Noch haben wir eine privilegierte Stellung am Arbeitsmarkt. Jeder Abgänger einer Gastronomie- oder Hotelfachschule möchte zumindest einmal am Arlberg gearbeitet haben. Noch gibt es also ein reiches Angebot an Arbeitskräften.“ Aber die Leute blieben natürlich selten länger als maximal drei Saisonen. Um das zu ändern, müssten Arbeitsbedingungen und Infrastruktur attraktiver werden. „Wir Betriebe machen eine Menge um für die Mitarbeiter den Lebensraum am Arlberg attraktiver zu machen, aber in manchen Bereichen ist einfach die Gemeinde gefordert.“ So auch bei der Aufgabe, Lech von einer Skidestination zu einer touristisch alpinen Destination zu führen, mit mehreren Saisonen. Besonders, was Kongress- und Veranstaltungsräumlichkeiten betrifft, sieht Moosbrugger die Gemeinde in der Pflicht: „Als das Philosophicum gestartet hat, war das eine kleine Veranstaltung für Insider. Zwanzig Besucher – jetzt haben wir zwanzig Vortragende und fast sechshundert Teilnehmer. Dasselbe beim Medicinicum und einige kleinere Veranstaltungen wachsen gerade – die Hotels können das nicht mehr bewältigen und in der Kirche sind wir nur untergemietet. Wenn der Pfarrer es sich anders überlegt, haben wir ein Problem.“

Offen

Derzeit sei ein neues Gemeindezentrum mit integriertem Veranstaltungsbereich im Gespräch, es soll vierzig Millionen Euro kosten. Doch es gäbe gewichtige Gegenstimmen: Lech brauche die Infrastruktur nicht, man solle sich als Ort, als Region, auf seine Kernkompetenzen konzentrieren, das Skifahren. „Ich halte das für zu kurz gedacht“, so Florian Moosbrugger. „Einerseits ändern sich gerade die Rahmenbedingungen: Immer öfter wenig Schnee im Dezember, dafür steht gegen Ende der Saison, wo genug Schnee wäre, immer weniger Menschen der Sinn nach Schifahren. Auf der anderen Seite sind wir von der einheimischen Bevölkerung her mit massiver  Landflucht konfrontiert. Immer weniger junge Leute sehen ihre Zukunft bei uns hier am Berg. Dem wirken wir nur entgegen, wenn wir dauerhaft die Saisonalität ausgleichen.“

Einzelne große Betriebe, wie zum Beispiel das Hotel „Sonnenburg“ in Oberlech hätten die Rolle des Vorreiters übernommen und letztes Jahr das erste Mal im Herbst offen gehalten. „Ein paar Häuser haben bereits nachgezogen, wir warten noch ab – sind aber sofort dabei, wenn es das entsprechende Begleitrauschen seitens des Tourismusverbandes und der Gemeinde gibt.“

Erfinderisch

Bis dahin werde man selbst aktiv und organisiere kleine bis mittlere Incentives, um zumindest Saisonbeginn und -ende für den Gast attraktiver zu machen, und zwar auch abseits der Skipiste, erzählt Florian Moosbrugger. „Unser CSI-die Culinary Scene Investigation hat heuer im Dezember gut funktioniert, es war quasi eine win-win-wine Situation“, lacht Moosbrugger. CSI Arlberg findet dieses Jahr wieder am 7. Dezember statt. Das „Tanzcafé Arlberg“, das in den letzten Tagen vor Saisonende mit Konzerten von Swing bis Ruskaja noch sonnenhungrige Gäste nach Lech gelockt hat, war ebenso erfolgreich. „Langfristig denke ich, sollten wir allerdings mehr auf Symposien setzen – auf Bildungsveranstaltungen mit hohem Unterhaltungsfaktor. Lech steht für Urlaub mit Niveau und viele Menschen haben den Eindruck, ihnen würde während des Jahres die Zeit fehlen, sich weiterzubilden. Wenn wir diesen Menschen im Urlaub die Gelegenheit geben, sich mit einem Thema intensiv auseinanderzusetzen, indem wir das entsprechend kurzweilig aufbereiten – ich denke, da gibt es einen Markt dafür und Lech wäre in dieser Rolle glaubwürdig!“

Visionär

Etwas Neues probieren, sich hinauswagen über die üblichen Grenzen, das scheint beim Studieren der Familienchronik der gemeinsame Nenner aller drei Generationen der Moosbruggers am Arlberg: „Irgendwie war es scheinbar eine Challenge, die Nachbarn dazu zu bringen, zu sagen ‚Du spinnst ja, das funktioniert nie‘“ lacht Florian Moosbrugger. „Bei meinem Vater war das das Schwimmbad – das erste am Arlberg und eines der ersten in Österreich. Meine Mutter hat den Garten angelegt – das kann man sich heute gar nicht vorstellen, was das für ein Gerede war… ‚Bei uns da hero’m – an Garten… des geht nit, des funktioniert nit…‘ – Klar ist es gegangen und unsere Gäste lieben die kleine Oase seit es sie gibt.“

Florian Moosbrugger übernimmt das Haus 1999 und schwimmt ein paarmal gegen den Strom der Traditionen – den meisten Staub wirbelt er aber wohl 2017 auf, als er quasi eine heilige Kuh schlachtet: „Das alte Restaurant, unsere Zirbelstube mit den winzigen Fenstern, es hat einfach nicht mehr gereicht vom Platz her. Also haben wir es aufgemacht – man kann nicht nur hinausschauen, sondern das erste Mal auch herein…“ Die riesige Glasfassade, die Gesamtabmessung des Raumes und die in Relation dazu niedrige Decke sind technisch eine Herausforderung: Eine Klimaanlage ist nötig und lange stellt die Akustik eine kaum zu knackende Nuss dar. „Wir haben das Problem dann mit einer ganz speziell verschalten Decke gelöst und schallabsorbierende Elemente in die Fauteuils einsetzen lassen. Dazu musste jeder der Restaurantsessel von Hand umgebaut werden – aber es kommt großartig an.“ Der Beweis: Jeden Abend mischen sich mehr Gäste aus anderen Lecher Betrieben unter die „Post“-Gäste – so soll es sein!

Locker

Nach der Übernahme hätte er viel geändert, lacht der Hausherr. „Es gibt keine Krawattenpflicht mehr beim Abendessen, der gesamte Umgang miteinander ist lockerer und ungezwungener geworden, aber …“ – wieder eine kleine Moosbruggerische Kunstpause – „… den Gästecocktail pflegen wir mit geradezu kindlicher Hingabe – der wird eingefordert. Unsere Gäste schauen gerne, wer sonst noch so da ist.“ Da würden schon mal Visitkarten getauscht und dem Vernehmen nach hätten einige gute Geschäftsbeziehungen ihren Anfang beim Gästecocktail in der Post genommen…
Der GASTWIRT kommt auch in den Genuss eines Glaserls Sekt und als die Gastgeberfamile so mit ihren Gästen zusammensteht und eine ganz harmonische Einheit bildet, drängt sich natürlich die Frage auf: Gibt es ein Privatleben am Arlberg? Florian Moosbrugger antwortet ohne das geringste Zögern mit einem strahlenden „Ja selbstverständlich!“ Mit seiner Sandra sei er seit zwanzig Jahren verheiratet; die beiden Mädchen, Violeta, 14, und Vivienne, 18, wären zwar unter der Woche in Bregenz, kämen aber jedes Wochenende heim – das sei ihm und seiner Frau sehr wichtig. Genauso wie die gemeinsamen Familienurlaube: „Ich habe vor einigen Jahren Golf als Sport für uns entdeckt, das ist eine herrlicher Familiensport und das Schöne für mich: Golf kann man nicht beschleunigen…“

Ein Blick nach vorn?

Wieder muss Florian Moosbrugger nicht lange überlegen: „Violeta hat mir mit zwölf Jahren angekündigt, dass sie mit vierundzwanzig in meinem Büro sitzen möchte … dann bin ich sechzig – das wäre ein perfekter Zeitpunkt, und wenn sie bis dahin ihre Meinung nicht geändert hat, was will ich mehr!?“

PS: Jen

Und wie war das jetzt mit der amerikanischen Bloggerin? Florian Moosbrugger muss schmunzeln, beantworten meine Frage aber doch gern: „Als mir alle gesagt haben, Influencer-Marketing sei jetzt das Gebot der Stunde, habe ich mir lange überlegt, ob das zu uns passt und zum ‚old money‘ – letztlich muss ich zugeben, hat meine Neugier gesiegt.“ Es sei jedenfalls eine interessante Erfahrung gewesen und mit insgesamt über 1.200 Kommentaren auf ihre Postings aus „Austria/Arlberg“ hat die Rechnung wohl auch gestimmt. Jedenfalls für Fräulein Selters... 😉

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