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Wer die bessere Idee hat, schafft an

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In der Ecke lugen ein Paar Sportschuhe aus einer Nische hervor. Der Besitzer macht grad ein Nickerchen in einer der zahlreichen Kuschelecken im offenen Barbereich. Es duftet nach frischem Essen. In der Gemeinschaftsküche bereiten sich ein paar Gäste gegenseitig ihre Lieblingsgerichte zu. Mittag im Wombat‘s am Wiener Naschmarkt. Das Hostel ist mehr als eine Schlafstelle und – definitiv anders als Hotel. Sascha Dimitriewicz und Marcus Praschinger sehen sich denn auch weniger als klassische Gastgeber, denn als „Begleiter junger Leute beim Ausleben ihrer (Reise-)Träume“ …

Text: Astrid Minnich | Fotos: Marlene Fröhlich

Es ist 1986 – Sascha Dimitriewicz ist gerade fertig mit dem Modul und frustriert. Das soll alles gewesen sein? Er kann heute nicht mehr definieren, was er erwartet hatte … „Mehr!“, meint er achselzuckend. „Ich bin im Hotel aufgewachsen, meine Eltern haben 1978 die ‚Goldene Spinne‘ gekauft – ein kleiner Betrieb mit 40 Zimmern, ein Stundenhotel, klassisches Nischenprodukt. Ich hab immer mitgeholfen, hab alles gemacht – Rezeption, Zimmer, Frühstück, Buchhaltung. Ich hatte den Betrieb damals schon im kleinen Finger, da hätte ich keine extra Ausbildung gebraucht; in der Schule hab ich natürlich viel gelernt, aber eigentlich ging es mehr um die Luxushotellerie und die war nie so mein Ding …“

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Auf geht’s …

Also ist dem jungen Mann langweilig und er beschließt, das zu tun, was Ende der 1980er viele junge Leute in seinem Alter tun, die nach Inspiration für ihr weiteres Leben suchen: Er packt einen Rucksack und macht sich auf in die weite Welt. Ohne großen Plan reist er dahin und irgendwann landet er in Australien. Aus Budgetgründen checkt er in einem Hostel ein.

„Es war unbeschreiblich …“ erzählt er und macht eine theatralische Pause. „Unbeschreiblich schmutzig und unbeschreiblich voll.“ Was sich dem jungen Mann aber nachhaltig einprägt: „Alle hatten eine unglaublich gute Zeit, waren gut drauf – es war ein Riesenspaß; wie in einer WG.“ Es ist diese positive Grundstimmung, die ihn fasziniert: „Marcus hat mir damals dauernd erzählt, seine Gäste würden schon um den Preis feilschen, ohne überhaupt das Zimmer gesehen zu haben; im Hostel war es: Wow, wir haben ein Bett … Super! Es hat bei mir total gefunkt und bereits während meiner Reise damals habe ich begonnen zu überlegen, wie das Ganze auch sauber gehen könnte ...“

Wir machen Hostel!

Dimitriewicz lässt das Erlebte sickern – und noch bevor er wieder Wiener Boden unter den Füßen hat, weiß er, wohin seine berufliche Zukunft gehen soll und mit wem er das Projekt angehen will: mit seinem besten Freund Marcus Praschinger. Der reagiert auf den enthusiastischen Anruf auch prompt mit einer Zusage, gesteht aber heute, dass er absolut keine Ahnung gehabt hätte, wovon Sascha spricht. „Es war tatsächlich so, dass es diese Art von Hostel, die Sascha so begeistert hatte, bei uns damals nicht gab. Damit konnte ich mir nicht wirklich was drunter vorstellen.“

Und so passiert einmal – nix. Vier Jahre ziehen ins Land, Marcus werkelt sich von einem Viersterner zum nächsten und ist eigentlich ganz glücklich damit. Den Traum von der Weltreise hat er trotzdem im Kopf; dass er sie irgendwann macht, ist für ihn fix. „Ich war im Verkauf & Marketing vom Penta Hotel, super Job, super Gage – alles leiwand, aber irgendwie war dann klar: jetzt oder nie!“ Er kündigt und – richtig, packt seinen Rucksack und reist los… Mit einem One-way-Ticket geht es nach Thailand und dann immer weiter, „wie der Wind gerade geweht hat.“ Auf einer indonesischen Insel klebt in der Herberge ein Sticker: Ian’s Backpacker/Darwin Australien.

Und endlich taucht auch er ein in Saschas Welt: „Es war genau, wie Sascha es beschrieben hatte – voll, laut und naja, nicht wirklich sauber (lacht); aber einfach genial.“ Marcus wohnt im 8er Dorm, mit ihm zwei Schweizer, die sich ein altes Auto gekauft hatten, um mobil zu sein. „Sie hätten mich mitgenommen, aber es hat über eine Woche lang dermaßen geschüttet, dass keiner von uns Lust hatte auf irgendwelche Ausflüge.“ Die jungen Herren vertreiben sich die Zeit mit „Über-das-Leben-philosophieren und – Feiern“. Ein bisschen geschlafen hätten sie auch dazwischen, schmunzelt Marcus. „Uns war keine Sekunde langweilig. Und von da an war klar, wir müssen ein Hostel machen und zwar ein richtig gutes. Weil ‚Hostel‘ ist nicht nur eine Idee, sondern ein Lebensgefühl… Als ich zurück war in Wien, haben wir losgelegt.“

Marcus Praschinger | Wombat's Hostel | GASTWIRT | (c) Marlene Fröhlich

Ein steiniger Weg

Es ist 1994 und es sollte noch ein hartes Stück Arbeit werden, bis 1999 endlich das erste „Wombat‘s – the Cityhostel“ aufsperrt. Zuerst gehören ein paar Hausaufgaben erledigt – immerhin können weder Sascha noch Marcus damals genau definieren, wie ihr „Wombat‘s“ im Detail aussehen soll. Also machen sie sich auf eine Tour de force durch die Wiener Pensions-Landschaft. „Wir haben uns so ziemlich jede kleine Pension in Wien angesehen und natürlich alle Jugendherbergen“, erinnert sich Sascha und lächelt verschmitzt. „Dann haben wir zumindest gewusst, was wir NICHT wollen.“ Höchstalter, Jugendherbergsausweis, zwingende Trennung nach Geschlecht, zwingende Nachtruhe ab 22 Uhr – das würde es bei ihnen nicht geben, sind Sascha und Marcus einig. „Dafür wollten wir einladende Gemeinschaftsräumlichkeiten schaffen, wo die Jugendlichen selbstverständlich die Möglichkeit haben sollten, sich auch tagsüber aufzuhalten. Die klassischen Jugendherbergen machen ja nach dem Frühstück die Luken dicht“, erklärt Sascha. „Sascha wollte Dusche/WC in jedem Dorm und ich wollte unbedingt eine lässige Bar“, ergänzt Marcus.

Die Konturen werden also immer schärfer und als es endlich fertig ist, schlägt das erste „Wombat‘s“ in Wien ein wie eine Bombe. „Das Coole dran war, dass wir einfach am Westbahnhof Flugzettel verteilt haben – und acht Stunden später hatten wir die Bude voll. Lauter Walk-ins! Heute undenkbar“, grinst Marcus.
Am Buchungsverhalten würde man auch am schönsten sehen, wie sehr sich das Leben verändert hätte, in den letzten zwanzig Jahren, erläutert Sascha. „Zuerst kamen die Leute einfach her, wenn sie halt da – also in Wien – waren. Dann war die Zeit der E-Mail Anfragen, wo ich bis zu 300 Mails täglich bearbeitet habe – manchmal hat es bis zu einer Buchung fünf Mails gebraucht, dafür waren wir nahezu auf ein Jahr im Vorhinein gut gebucht. Und jetzt sind wir praktisch wieder retour am Start: Unsere Gäste buchen direkt online ein – quasi wie ein Walk-in, aber in etwa eine Woche vor Anreise.“ Dimitriewicz wertet dieses Verhalten nicht, er lebt damit. Eine Haltung, die sich Praschinger und er im Laufe der Jahre angeeignet hätten. „Wir können es nicht ändern, wir stellen uns darauf ein. Fertig.“

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Veränderungen sind Chancen

Ein kleines bisschen wehmütig würden sie vielleicht an die erste W-LAN Zeit zurückdenken, gestehen die beiden. Als sie zehn Schilling für fünf Minuten Internet-Surfen verrechnet hatten und jeden Abend mit „Billa-Kübeln voller 10er“ zur Bank gegangen wären… „Wir haben regelmäßig die Münzzähler außer Gefecht gesetzt! Das war schon spaßig.“ Die Kübel voller Geld investieren sie etwas später in den Ausbau ihres free-wifi: „Damals waren wir unter den ersten, heute ist das wie fließend Wasser – eine Grundvoraussetzung, über die keiner mehr spricht.“

Anfang des neuen Jahrtausends ist das „Wombat‘s“ in der Branche allerdings des Öfteren Gesprächsthema. „Wir haben viel anders gemacht, als es damals üblich war“, lacht Sascha Dimitriewicz. 160 Betten statt fast 400, wie die meisten anderen Jugendherbergen; Fokus auf Einzelreisende und das erklärte Ziel, dass die Gäste vor allem eine gute Zeit haben sollen. „Wir haben vieles einfach ausprobiert und einmal geschaut, was passiert“, so Praschinger. Das mit der großen Bar zum Beispiel. „Hab ich mir eingebildet. Gab es in dieser Beherbergungskategorie davor nicht.“ Praschinger plant, Dimitriewicz geht Verhandeln. Von den Bierfirmen erntet er zunächst in Wien und dann in München nur ein müdes Lächeln. „In München hat überhaupt nur Paulaner mit mir gesprochen und der Vertreter hat mir dann erklärt, dass ich maximal 90 Hektoliter pro Jahr verkaufen würde…“ Letztlich sind es satte 700 Hektoliter und das Wombat‘s München die erste Bar, die Biertanks im Keller hat. „Fassln hätten wir nicht mehr kühlen können.“ Das Wombat‘s in Wien wird – auf den Sitzplatz gerechnet – zum größten Ottakringer-Abnehmer. „Die Australier sind bei uns eingefallen, die haben sich nicht einmal richtig Wien angeschaut…“, kann es Sascha Dimitriewicz es heute noch kaum fassen.

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Immer weiter

Auch diese Zeiten sind vorbei. Die Bar gehe immer noch gut, aber die jungen Gäste würden heute bewusster leben und bewusster reisen. Vor zwanzig Jahren sei des Öfteren passiert, dass einer seine Postkarte aus Wien mit „Love from Prague“ unterschrieben hätte. „Es war einfach nicht so wichtig, wohin, Hauptsache unterwegs. Ich bin wegen einer hübschen Finnin damals in Australien auch einmal nach Westen weitergereist, statt in den Süden, wo ich eigentlich hingewollt hätte…“ Heute gäbe es das natürlich auch noch, aber die meisten Gäste würden zumindest drei Tage vorher entscheiden, wohin es weitergehen sollte und durch die gute Vernetzung via social media wäre sowieso niemand lange allein. „Wir haben in London jetzt eine App ausprobiert, wo sich unsere Gäste mit ihrem Profil registrieren und dann blitzschnell Gleichgesinnte finden können – für eine Runde Darts, ein gemeinsames Bier oder einen Theaterbesuch…“

Mittlerweile ist die Wombats-Familie auf sechs angewachsen – Nummer sieben entsteht gerade in Venedig. Die operativen Geschäfte führt ein Geschäftsleiterteam, ein CEO, ein CFO und ein COO. „Die gehen den von uns eingeschlagenen Weg konsequent weiter, die machen das großartig! Wir Oldies liefern nur mehr die Stichworte“, lacht Marcus Praschinger, wobei weder bei ihm noch bei Sascha Dimitriewicz Langeweile aufkommen dürfte. Immerhin sei es sein Ziel, ab sofort jedes Jahr ein neues Wombats aufzusperren, grinst Dimitriewicz und Praschinger müsste schauen dass er immer rechtzeitig das passende Konzept parat habe – dafür sei nämlich er zuständig:

„Marcus ist meine Kristallkugel, der weiß jetzt schon, was unsere Gäste in drei Jahren cool finden werden!“ Marcus macht ein Gesicht zwischen geschmeichelt und Zahnschmerzen: „Sascha ist schon beim nächsten Projekt, obwohl er das letzte noch gar nicht gesehen hat…“ Dimitriewicz‘ Grinsen wird noch breiter: „Wir kennen uns seit 35 Jahren, ich vertraue ihm blind! Aber ja, ich fahre mir Venedig jetzt eh dann anschauen… – zur Eröffnung!“

Mit-einander

Bei so viel offen zur Schau gestellter Harmonie drängt sich natürlich die Frage auf, ob es in dieser engen Geschäftsbeziehung nicht doch manchmal Konflikte gäbe? Beide beuteln gleichzeitig die Köpfe „Manchmal haben wir unterschiedliche Ansichten, das bringt uns weiter – der die bessere Idee hat, schafft an, ganz einfach.“

Dabei würden die Ideen immer öfter von Mitarbeitern und Gästen kommen. „Wenn es um die Weiterentwicklung des Produkts „Wombat‘s“ geht, holen wir uns Input von allen, die bei uns ein und aus gehen. Damit halten wir die Begeisterung am Leben, den speziellen „Wombat‘s-Spirit“, den wir vor zwanzig Jahren da hineingepflanzt haben“, erklärt Dimitriewicz. „Bei uns hat der ganze Mensch Platz und jeder darf so sein wie er ist. Wir hören uns die Ideen unserer Rezeptionsmitarbeiter genauso an, wie die unserer Etagencrew und besonders genau denken wir über Anregungen nach von Mitarbeitern, die eine Weile „draußen“ waren und dann zurück kommen, übersprudelnd mit Eindrücken aus der ganzen Welt.“ Das sei Teil der Firmenseele – um authentisch und echt zu bleiben. „Es gibt leider viele Konzepte am Markt, wo Mitarbeiter etwas exekutieren, weil es im operations-Handbuch steht, und nicht mehr, weil sie mit dem Herzen dabei sind.“

Ihre Zukunft sehen Sascha Dimitriewicz und Marcus Praschinger denn auch in ihren jungen Mitarbeitern. Und im Gegensatz zu vielen ihrer Branchenkollegen machen sie sich da wenig Sorgen. Dimitriewicz: „Die Einstellung muss stimmen, die Fachkompetenz lernt er oder sie bei uns. Ich zum Beispiel habe immer für die Hotellerie gebrannt, für’s Gastgeber-Sein. Aber das erste Weißbier, das ich versucht habe, einzuschenken – ich glaube, da wischen die immer noch auf…“ Praschinger ergänzt, dass sich auch da – wie in so vielen Bereichen – die Gesellschaft verändert habe:

„Die jungen Leute bekommen wenig Struktur mit von daheim und auch die Schule schafft nicht wirklich, diese Lücke zu schließen. Am Anfang dachten wir auch „ist nicht unsere Aufgabe“ – aber jetzt wissen wir, dass es das doch ist. Wir begleiten unsere Gäste und unsere Mitarbeiter – beim Urlaub-machen, beim Arbeiten, beim Leben und beim Erwachsen-werden. So ist das. Und es ist eine schöne Aufgabe!“
Ein Schlusswort, das wir so stehen lassen. Auf die nächsten zwanzig Jahre Wombat‘s – das Cityhostel.

(c) Marlene Fröhlich

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